Ursula: Nur nah dran

Attraktoren: Juliane, Julia, Rahel, Martin / Autorin: Juliane

Ein Szenario aus dem Jahr 2030 mit den Dimensionen: Selbstorganisiert – Hierarchische Führung

Zwischenmenschlichen Beziehungen wichtiger denn je; Karriere ist nicht mehr wichtig, soziale Themen stehen im Vordergrund. Um den Menschen und die Kommunikation in den Vordergrund zu stellen, gibt es statt Büros viele in der Stadt verteilte Working-Spots. Geschäftstermine werden in den eigenen vier Wänden oder in den Alltag integriert. Auch den Kindern wird schon früh Flexibilität beigebracht, und sie haben die Freiheit zu entscheiden, wann sie was und wo sie lernen. Statt in Schulgebäuden lernen sie in kleinen Team-Stationen, die in der Stadt verteilt sind.

Musikalische Begleitung von Georg Papageorgiou – Musikinstitut GENIMA.

Ein Tag aus dem Leben von Ursula, 35 Jahre, Krankenschwester
Freitag, 18. Oktober 2030 irgendwo in Schleswig-Holstein

Die Bäume ihres Stückles verblassten langsam vor ihren Augen und gaben den Blick auf die Medi-Pods in der 21er-Senke frei. Es war immer wieder ein befremdliches Gefühl, das ViSta zu verlassen. Ursu rieb sich die Augen und drückte den Rücken durch. Sie konnte spüren, wie die Streben aus recyceltem Plastik der kleinen Parkbank Schweißstreifen auf ihrem Shirt hinterlassen hatten. Die Fahrt zum nächsten Patienten würde wieder richtig gut tun, um das stickige Hochsommer-Gefühl aus den Kleidern wehen zu lassen. 

Ein helles Pingen in Ursus Ohr deutete die Ankunft eines neuen Auftrags an. Sie nahm ihn an und zwei Sekunden später leuchteten Koordinaten vor ihren Augen auf. Naja, eigentlich müsste man ja sagen, in ihren Augen. Aber diese Vorstellung war irgendwie immer noch ein bisschen abstrakt. Es war nun knapp ein Jahr her, dass Ursu den Aufstieg zur Krankenbetreuerin geschafft hatte und damit auch interne ViStas, also visuelle Stativa, bekommen hatte. Die waren mit den herkömmlichen externen Geräten zur visuellen Darstellung gar nicht zu vergleichen und nur hochrangige systemrelevante Berufe wie Krankenbetreuer konnten die Implantate anfordern. Sie erleichterten die Arbeit immens und jede ihrer Kolleginnen schwor darauf, aber für Ursu war der Umgang damit irgendwie immer noch nicht ganz natürlich.

Als nun der Navigations-Cursor anfing zu blinken, erhob sie sich von der Bank im Schatten, auf der sie ihre Mittagspause verbracht hatte, und ging zu ihrem Hover-Scooter. Als sie den Griff berührte verband sich das schwebende Fortbewegungsmittel automatisch mit ihrem ViSta. Ursu liebte die flinken kleinen Flitzer, denn so bekam sie nicht nur ein bisschen Bewegung zwischen zwei Patientenbesuchen, sondern konnte auch ein bisschen durchatmen. Sie fokussierte den Blick auf die Karte. Die nächste Location lag direkt am Eingang der Königsstraße hinter der Senke, nur ein paar Minuten entfernt. 

An der Tür des Gebäudes angekommen, verifizierte sie sich durch einen Handabdruck auf der Klinke und fuhr in den neunten Stock. Die Daten der Patienten bekamen Betreuer erst, wenn sich das eigene virtuelle Gerät mit dem Chip des entsprechenden Menschen verband. Das galt nicht nur dem Datenschutz, sondern war Teil dieses hochangesehenen Jobs. Der menschliche Kontakt. Seit der fünfjährigen Pandemie von COVID-19 war es außerhalb des eigenen engsten Kreises nur noch qualifizierten Betreuern gestattet, Fremde zu berühren. Gerade deshalb war die Arbeit der Krankenbetreuer so wichtig. Ursu hatte sie schon damals, als sie noch als Medizintechnikerin gearbeitet hatte, immer bewundert. Und ohne die Unterstützung ihrer Frau, hätte sie sich auch nicht getraut, eine Bewerbung für die Ausbildung zur Betreuerin einzureichen.

Jetzt öffnete ein schlanker alter Mann vor ihr die Tür. 
„Hallo, Sie haben eine Anfrage ausgelöst?“
„Ich… ja… das habe ich wohl…“, schüchtern schaute er zu der großen Frau mit den krausen Haaren vor sich auf.
„Das freut mich!“ Ein verständnisvolles Lächeln huschte über Ursus Gesicht.
„J..ja?“, der Mann schien überrascht. Und gleichzeitig etwas erleichtert. „Ich wusste nicht, ob ich sollte, aber die Werte waren so schlecht, so schlecht, verstehen sie…“
„Ja, ich verstehe. Sollen wir reingehen und ich sehe mir ihre Werte einmal an?“

Ursu betrat hinter ihm die kleine Wohnung. Der enge Flur führte direkt ins kleine Wohnzimmer, das den Blick auf Stuttgart eröffnete. Kurz ließ Ursu den Blick durch das Zimmer schweifen und setzte sich dann auf den abgewetzten Schwing-Stuhl gegenüber dem Sofa. IKEA. Aus den 20ern. Aus echtem Holz und sogar mit Baumwolle bespannt. So ein rustikales Stück sah man inzwischen nur noch sehr selten. Der Mann nahm vor ihr auf dem Rand des Sofas Platz und streckte ihr zögerlich die Hände entgegen.

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