Anna: Im Verbund überleben

Attraktoren: Johanna, Ruth, Vanessa / Autorin: Ruth

Ein Szenario aus dem Jahr 2080 mit den Dimensionen: Soziale Nähe – Keine Systemrelevanten Jobs

Wir haben keinen Sozialstaat mehr. Es wird alles von der Familie oder von Kleingruppen getragen

Ein Tag im Leben von Anna, 30, weiblich, Ingenieurin 

Montag, 21. Februar 2080 irgendwo im Süden Bayerns

Der Wecker ermahnte sie nun schon zum fünften Mal. Gnadenlos. Wie alles um sie herum. Wie gerne würde sie sich jetzt noch einmal umdrehen, noch einmal auf die Schlummerfunktion klicken, noch einmal in ihren Traum einsteigen… sich aufs Fahrrad schwingen und durch die Natur radeln… genauso wie der junge Mann in dem Film zu Beginn des 21 Jahrhunderts. Einfach drauf los radeln, an nichts denken, den Fahrtwind spüren, die Sonne und den Duft des Sees und des Waldes aufsaugen…

Aber die Digitalanzeige war erbarmungslos: 04:55 Uhr. Um fünf Uhr hatte sie sich mit Jan im Stall verabredet. Gott-sei-Dank hatte er heute endlich Zeit, sich Lena anzuschauen. Anna war ganz sicher, dass irgendwas mit ihrer trächtigen Lieblingskuh nicht stimmte.

Mit einem Satz sprang sie in ihre Stallklamotten, die wie alle anderen Kleidungsstücke kombiniert in Ensembles von der Jacke bis zum Schuh nebeneinander auf stummen Dienern hingen. Je nach ihrem Einsatz innerhalb ihrer großen Wahlfamilie, wie sie ihr Lebensumfeld liebevoll nannte: als Altenpflegerin für die Omas und Opas, Tanten und Onkels, die hier lebten. Auf der Quarantäne-Station oder für einen Spielenachmittag mit den Kleinsten unter ihnen. In Reih und Glied an der Wand neben ihrem Bett standen auch die diversen Arbeitsklamotten, die sie für ihren Beruf als Ingenieurin brauchte. Manchmal musste es eben schnell gehen.

Völlig unbeeindruckt baute sich Sam, ihr riesiger Broholmer, auf dem Bett bereits ein neues Lager. Auch für ihn war es noch zu früh, um schwanzwedelnd seine Freunde auf dem Gelände zu begrüßen und seine Lieblingsleckerlis abzuholen. Anna liebte ihn. Sie liebte seine Nähe und Vertrautheit. Seit Sam sich vor einigen Monaten entschieden hatte, zu ihrem ständigen Begleiter zu werden, konnte sie die nächtliche Einsamkeit besser ertragen und sogar wieder durchschlafen. Wie wohltuend doch über die Tage sein anfangs gehasstes Schnarchen geworden ist.

Manchmal durfte Anna auch im Garten oder in der Küche einspringen. Gemüse schnippeln war für sie eine Art des Meditierens, eine Quelle fürs Weitermachen, fürs Durchhalten. Aber wahrscheinlich empfanden das die meisten so, weshalb Küche und Garten auch zu den begehrtestes Arbeitsplätzen in ihrem Verbund zählten.

In ihrem Ingenieurstudium hatte sie sich früh für Automatisierungstechnik entscheiden müssen und weil sie unglaublich geschickt mit Werkzeugen umgehen konnte, musste sich Anna jetzt auch um die Instandhaltung und Wartung aller Geräte, Anlagen und Systeme auf ihrer kleinen Kolchose kümmern.

Was für ein Wort aus der Vergangenheit?! Als durch das Auflösen der Sowjetunion, wie sie aus Geschichtsbüchern wusste, auch sämtliche landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft ausstarben, dachte wohl keiner daran, dass diese Form des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens jemals wieder so etwas wie eine Renaissance erleben würde.

Heute war ein Leben ohne Verbund nicht mehr möglich. Es war ein schleichender Prozess… klamme Haushalte, die höchste Arbeitslosenzahl, keine Steuereinnahmen… und eine Pandemie jagte die andere. Ein Prozess, an dessen Ende die Sozialdemokratie kapitulieren musste. Eine Gesellschaft ohne staatliche Institutionen, die sich um ihre Bürgerinnen und Bürger kümmert. Weder Kranke noch Alte, Waisen oder Pflegebedürftige können auf ein Netzwerk vertrauen, das sie auffängt. Eine Gesellschaft, in der systemrelevante Jobs ausgestorben sind, zu einem Tabu geworden sind. Eine Gesellschaft, die nur deshalb überleben kann, weil sich jeder um seine Nächsten kümmert.

Warum hatte sie eigentlich nie rebelliert? Nie das getan, wonach ihr Herz sich sehnte? Warum war sie nicht auf die Straße gegangen, um dafür zu kämpfen, dass alles erträglicher und leichter für alle wird. Dass das Leben menschlicher ist und Verantwortung im Großen geteilt wird.

Sobald Anna an den Tag ihrer Entscheidung dachte, sich für das Ingenieurstudium einzuschreiben, verfluchte sie sich selbst. Sie hätte sich damals einfach wehren und auf die Barrikaden steigen müssen, um ihrem Herzenswunsch nachzugehen und Medizin studieren zu können. Aber dieses automatisierte Auswahlverfahren war einfach gnadenlos. Weniger als zwanzig Mitglieder in deinem Verbund und du hattest keine Chance auf dein Wahlstudium.

Heute lebten bereits mehr als 100 Menschen auf ihrem Gelände zusammen. Auf einem alten Vierkanthof mit Äckern, einem Fischteich, Gärten und einem kleinen Waldstück. Fast schon ein Paradies. Alte und Junge, Kranke und Gesunde, Nette und weniger Nette, Verrückte und auch einige mit krimineller Vergangenheit, die hier einen Unterschlupf suchten und sich begleiten lassen mussten – eine vom Staat verordnete Pflicht. Um sie herum waren auch Verwandte und Freunde, die in ihrem gewohnten Umfeld niemand mehr hatten, der sich um sie hätte kümmern können.

Und Monat für Monat kamen mehr Frauen und Männer, die Anträge stellten, in ihrer Gemeinschaft aufgenommen zu werden. All jene, die aus irgendeinem Grund aus der Gesellschaft gefallen waren. Menschen ohne einer speziellen Begabung oder mit einer Behinderung, durch die sie keinen wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten konnten. Kinder und Jugendliche ohne Eltern, ohne feste Bleibe.

Ihr ganzes Herz hing an dem MANNA-Hof, der seit Generationen im Besitz ihrer Großfamilie war. Liebevoll renoviert und gepflegt. Und Schritt für Schritt kamen neue Wohn- und Arbeitsgebäude hinzu. Sie lebten hauptsächlich von dem, was sie selbst erwirtschafteten. Das Geld, das einige von ihnen noch in der freien Wirtschaft verdienen konnten, reichte oft nur für Werkzeuge, Instrumente und Medikamente, um das zu erhalten, was für ein würdevolles Leben nötig war.

Einer der Vorgänger des heutigen Staatspräsidenten hatten vor etlichen Jahrzehnten ein Gesetz erlassen, dass jeder nur das lernen, studieren, arbeiten und machen durfte, was vor Ort in seiner Gemeinschaft gebraucht wurde und dort bislang noch keiner machte. Nur so konnten sie alle überleben.

Am meisten liebte sie diese Momente am Ende eines harten Arbeitstages, wenn alle, denen es körperlich noch möglich war, ums Lagerfeuer saßen. Eng zusammensitzend, sich haltend, umarmend, einander Geschichten erzählend. Geschichten von damals, von dem Leben, das sie aus uralten Büchern und Filmen kannten. Geschichten von einer wunderbaren Zukunft.

Ihre Gedanken schweiften zu Sophia-Fiona. Tränen stiegen ihr ins Auge. Monatelang war ihre Freundin damit beschäftigt, eine neue Systemumgebung zu schaffen. Eine Lösung zu finden, mit der trotz räumlicher Distanz Nähe, Gefühle, Berührungen  möglich, spürbar sind. Jetzt endlich konnten auch diejenigen, die ihre Wohneinheiten nicht mehr verlassen konnten, das allabendliche Beisammensein per VR-Kanal miterleben. Ganz so, als säßen sie in ihrer Mitte. Wie wunderbar!

Genauso wunderbar wie die Bibliothek mitten unter den zwei alten Eichen am Rande des Anwesens – mit dem geballten Wissen aus Philosophie, Medizin, Ökologie und Ökonomie, mit Geschichten und Märchen aus aller Herren Länder. Es war ihre Ururgroßmutter, die in einer der abgelegenen, inzwischen verfallenen Hütten eine kleine Bibliothek mit Büchern und Filmaufnahmen aufgebaut hatte. Die Pflege dieses Schatzes war seitdem eine Tradition in ihrer Familie. Anna erinnerte sich noch gut daran, als sei es gestern gewesen, als ihre Manna-Oma, wie ihre Großmutter von allen genannt wurde, sie zum ersten Mal mit in dieses Refugium nahm.

Jetzt war sie die Hüterin der Geschichten. Anna liebte Geschichten und nutzte jede freie Minute, die sie hatte. Oft verbrachte sie nachts mehrere Stunden damit, uralte Filmaufnahmen zu digitalisieren und Geschichten zu sammeln, sie aufzuschreiben und zu archivieren für all die Generationen nach ihr. Die geflüsterten Worte ihrer Großmutter auf dem Totenbett im Ohr: Anna, die Geschichten dürfen uns nie ausgehen, denn sie geben uns Hoffnung und sorgen dafür, dass wir an eine gute Zukunft glauben können, an eine Zukunft, die wir verändern und gestalten können. Danach fiel Anna stets in einen seelenruhigen Schlaf, Sam an ihrer Seite.

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