Georg: Leben in der unabhängigen Stadt

Attraktoren: Christoph, Emil, Hubertus, Ruth, Ulrike / Autor: Emil

Ein Szenario aus dem Jahr 2048 mit den Dimensionen: Verschwendung – Lokalismus

Die Gesellschaft ist ziellos und depressiv, hat Angst zu versagen und auch zu verhungern (Existenzangst). Personen stehen unter starkem Spannungszustand, Zurechnungsfähigkeit ist oft ausgeschaltet. Die Angst vor dem sozialen Abstieg und vor dem eigenen Statusverlust ist extrem groß. Es herrscht Krieg mit Raubfeldzügen, Fress- und Sauforgien sind „en vogue“.

Ein Tag im Leben von Georg, 35 Jahre, Down-Syndrom 

Samstag, 08. August 2048 irgendwo zwischen Deutschland und der Schweiz

Mein Name ist Georg. In meiner Unabhängigen Stadt nennen Sie mich Georg, Spacko oder den Dach-Schädling. Den Schädling finde ich sogar auch lustig. Meistens sagen sie es nicht, sondern setzen ihn auf, diesen diesen „Huch-ein-Spacko-was-tu-ich-nur“Blick. Ich mache dazu immer gleich ein besonders überzogenes Gesicht, was jemandem wie mir natürlich besonders leicht fällt. Ich schraube dann so lange an meinem Gesichtsausdruck, ohne dabei den anderen aus dem Auge zu verlieren, bis es ihm oder ihr unwohl wird. (Wichtig ist, dass man währenddessen nichts sagt).

In die angespannte Stille hinein sage ich dann plötzlich todernst, zum Beispiel: „Du bist ein Fall für Luci Luchs!“. In die Anspannung mischen sich Verwirrung, vielleicht auch etwas Angst. Das ist dann der Moment, an dem ich zuschlage. Ich zücke eine selbstgemalte Postkarte mit Luci Luchs und flüstere: „Die kostet 700 Einheiten. Wenn du mir aber versprichst, dass du heute mindestens noch einmal richtig lachst, gebe ich sie dir für 50.“ Viele müssen tatsächlich gleich lachen, aber fast alle kaufen meine Karte. Übrigens auch diejenigen, und vielleicht gerade die, die mich kennen und meine Strategie vielleicht schon durchschaut haben.

Selbstgemachtes und Tiere funktionieren immer. Und gerade ausgestorbene Tierarten, die die alten noch kannten; bei denen kriegen sie sogar immer feuchte Augen. Schneekatzen male ich aber nicht mehr. Die Leute meinen, ich hätte die einfach erfunden. Dabei hat es die letzte Schneekatze schon Jahre vor dem letzten Eisbären erwischt. Zoos haben wir ja nicht mehr, aber ich habe jede Menge Bilder archiviert.

Ihr seht, ich habe mich ganz gut eingerichtet. Man wird ja auch nicht jünger und die Zeiten sind ja ein wenig anders: Als Kind wollte ich die ganze Welt sehen. Gott sei Dank konnte ich noch ein paar Länder besuchen, bevor die Flugzeuge verschwunden sind. Dadurch habe ich gelernt, wie schnell man mit einem gut sichtbaren Dachschaden durch Grenzen und an einen Schlafplatz mit kostenloser Nahrung kommt. Viele Leute waren damals traurig, dass sie nicht mehr in aller Welt herumreisen konnten. Ich auch. Aber man gewöhnt sich dran und die Vorteile sprechen ja auch für sich. Wir alle haben mehr Zeit, mehr Geld für den täglichen Bedarf und weniger Probleme wie Krankheiten, Terror und was man sich sonst noch so reinholt.

Heute kann man immerhin mit dem Bus oder sogar manchmal mit alten ICEs verreisen. Vorausgesetzt, man ist Kommandant oder Geschäftsmann. Man reist eh nur, um ein paar Sachen mit anderen „Unabhängigen Städten“ zu tauschen. Mir egal. Andere Städte sind ja auch nicht besser, abgesehen von ein paar angeblichen eingemauerten Siedlungen irgendwo für die Reichen. Sonst hast du überall derselben Dreck, Stress und Ärger. Ärger insbesondere natürlich für mich, weil ich auch noch extra fremd aussehe.

Fremde sind nirgendwo willkommen. Man hört immer wieder Gerüchte, was eigenen Leuten passiert ist, die sich mit Fremden eingelassen haben, erst recht an fremden Orten. Ohne Kontrolle und Hilfe. Zumindest haben die Menschen weder Zeit noch Lust auf Fremde und fremde Sachen.

Wie Wühlmäuse flitzen die Leute immerzu herum, haben nie Zeit und suchen ständig irgendwas. Mit und ohne Smartphone. Dabei müssten sie überhaupt nicht suchen. Alles, was du willst, gibt es hier. Essen, Wohnung, Arbeit und alle Abos. Wer auf Reisen und Auto verzichtet, spart unserer „Unabhängigen Stadt“ viel Geld. Dann bekommt Nahrung, Koffein-Pulver, Tabletten und alle Abos umsonst bekommt. Dafür verzichtet man gern. Man? Ich meine natürlich: alle. Wohin sollten sie auch fahren und was zur Hölle sollten sie dort tun? Sich ausrauben oder umbringen lassen? In unserer „Unabhängigen Stadt“ arbeiten wir alle irgendwas. Wer selbst keine Idee hat, was er machen soll (fast alle), nimmt die Arbeit, die ihm die Kommandanten geben. Dann kann man aber auch in der Ethanolfabrik landen. Bezahlt wird mit Einheiten, die allerdings nur bei uns gelten. Woanders muss man auf den Schwarzmarkt, wo man bestimmt betrogen wird oder gleich verschwindet. Außerdem sind die Einheiten immer so berechnet, dass mehr als genug für alle da ist. Sparen muss man nicht, höchstens für das Ethanol. Vor allem, wenn man keine überflüssigen Sachen von anderswo braucht.

Einem armen Mongo-Künstler wie mir will natürlich niemand in seinem großen Beileid was vorrechnen. Daher habe ich gewisse Vorteile. Ich sage nur Kaffee. Kunstfleisch mag ich nicht und Ethanol behindert mich beim Denken und Malen. Aber ich habe herausgefunden, wie ich an echte Pflanzen komme, bevor man sie zu Kraftstoff oder Proteinbeilagen verwandelt. Mit den Pflanzen bereite ich echtes Essen zu. Manchmal kommt jemand zu Besuch und hat erstmal Angst zu probieren (es sieht echt krass aus für jemanden, der nur graue und geruchsfreie Speisen gewohnt ist).

Wenn jemand die Leute unserer „Unabhängigen Stadt“ anspricht, erschrecken sie und suchen nach Ausflüchten und Ausreden. Das kenne ich von früher schon, doch seit den Kommandanten ist der tägliche Schreck so ein Gewohnheits-Ding wie die Tasse Kaffee von früher. Da ist es gut, wenn man so aussieht wie ich. Und ein Dach-Schädling ist, von dem keinerlei Gefahr ausgeht. Mit mir müssen sie sich alle nämlich alle wenigstens kurz abgeben. Außerdem schickt es sich nicht, ausgerechnet mir die Ohren mit Problemen vollzuheulen. Dann bestünde ja die Gefahr, dass ich sie auf der Stelle totschlage. Mit etwas Besseren als einem Schlagstock. Nämlich meinem extra Chromosom und einem simulierten Anfall. Musste ich aber fast nie tun.

In der Zeit davor wurde ich schon mal gehänselt und mal getreten und bei Mädchen hatte ich es lange echt schwer. Auch nach dem Abi (Seht her, ein Spacko mit Abi! Wahnsinn, der kann ja noch stolzer sein als die Gesunden!) war es noch eine Zeitlang schwierig. Für die Arbeit in der Kunstfleisch-Fabrik oder als Fahrer war ich auch unbrauchbar. Kommandant werden wollte ich auch nicht. Also habe ich das mit den Postkarten angefangen. Einem Dach- Schädling gegenüber erklärt logischerweise nie jemand seine Geschäftsidee für Schwachsinn.

Jedenfalls: Als damals immer weniger Obst und immer mehr hässliche Bilder und Nachrichten aus der Welt zu uns kamen, hatten die Leute schreckliche Angst, dass es ihnen immer schlechter gehen könnte. Man holte Kommandanten zu Verteidigung unserer Ressourcen. Auch wenn ich nicht genau weiß, welche Ressourcen das genau sind, gibt es anscheinend überall Menschen, die sie uns wegnehmen wollen. Vielleicht sind die grauen Kunstfleisch-Würfel woanders ja eine Delikatesse. Vielleicht gibt es deswegen auch in unserer Stadt immer höhere Mauern, dickere Türen und strengere Wächter. Ganz sicher könnt ihr euch aber vorstellen, dass ein geübter Spacko mit Tier-Postkarten und ungeheurer Mimik wie ich, hier gewisse Privilegien in der Mobilität hat.

Wenn es dunkel wird, dann wird es sehr dunkel und es herrscht Ausgangssperre. So spart die Verwaltung Strom und Wächter gleichzeitig, da man ja tagsüber genug genug von beidem braucht. Aber abends sitzen eh alle mit ihrem Fastfood vor der Glotze, mit Controller oder ohne. Sie nehmen ihre Tabletten, holen sich einen runter oder meinetwegen beides. Am nächsten Tag rennen sie wieder herum und starren in ihre Smartphones, weil sie nichts zu sagen haben. Und vielleicht auch, weil sie den Müll und die kaputten Straßen nicht sehen wollen. Auch kann man dabei nie aus Versehen einem Kommandanten in die Augen schauen.

Bitte entschuldigt. Ich muss enden. Da vorne läuft eine echte Granate. Ich glaube, die wird gleich ganz aus Versehen einen Spacko anrempeln und peinlichst berührt sein. Ein simpler, aber netter Fall für Luci Luchs… und natürlich meinen kleinen Vorrat an echten Kaffeebohnen.
Fin.

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