Anna: Die Wahlfamilie

Attraktoren: Johanna, Ruth, Vanessa / Autorin: Johanna

Ein Szenario aus dem Jahr 2080 mit den Dimensionen: Soziale Nähe – systemrelevante Jobs vorhanden

Die Gemeinschaft steht absolut im Vordergrund. Alles, was der Gemeinschaft, dem Zusammenleben, der Gesellschaft dient, erfahrt eine hohe Wertschätzung. Das Ego ordnet sich dem großen Ganzen unter.

Ein Tag im Leben von Anna, 30, weiblich, Ingenieurin.
Mittwoch, 21. Februar 2080 irgendwo im Süden Bayerns.

Anna steht heute ganz besonders früh auf. Sie möchte noch vor dem Frühstück eine lange Runde mit ihrem Hund Gassi zu gehen. Nach dem frühmorgendlichen Spaziergang, hält sie noch kurz beim Bäcker, um für sich und ihre Hausbewohner frische Semmeln zu holen und zwei warme Croissants für Henriette. Mit ihren achtzig Jahren gehört Henriette zu den ersten Bewohnern der Kirchengasse 17. Soweit Anna weiß, gehörte die sympathische alte Dame aus dem Erdgeschoss sogar zu den Gründern und Anteilseignern der Wohnanlage. Seit ihre Zwillingsschwester vor vielen Jahren nach Frankreich zur Familie ihrer jüngsten Tochter gezogen ist, hat sie niemanden mehr in ihrer Nähe, der zu Besuch kommt. Sie sei nie über den Tod ihrer ersten großen Liebe hinweggekommen, George, der bei einem Zugunglück mit achtzehn Jahren ums Leben kam. Deshalb habe sie auch nie geheiratet, obwohl sie sich doch so gern Kinder gehabt hätte, erzählte sie vor ein paar Wochen beim sonntäglichen Kaffeekränzchen im „Haus-Café“.

Anna erledigt gerne ihre Einkäufe und putzt einmal in der Woche ihren Wellensittich-Käfig. Auch die anderen Hausbewohner greifen Henriette bei jeder Gelegenheit unter die Arme. Obwohl sie im Vergleich zu früheren Generationen wesentlich fitter, vitaler und auch gesünder ist, verwöhnen sie alle, vor allem Familie Berschka mit den drei Kindern Laura, Nico und Ben aus dem dritten Stock. Für sie ist Henriette so etwas wie eine Wunschoma. Die Eltern, Mitte zwanzig, studieren und leben seit der Geburt von Ben hier im Haus. Anna mag es, mit den Kleinen im Park fangen zu spielen, auf Bäume zu klettern oder einen leckeren Kuchen zu backen. Oft spielen sie mit Henriette auf dem Balkon oder im Patio Karten, malen oder basteln. Und manchmal erzählt sie ihnen am frühen Abend Märchen oder Geschichten aus ihrem Leben. Dann leuchten Henriettes Augen wie die Kerzen, die bei dieser Gelegenheit immer auf ihrem Balkon brennen.

Anna liebt ihre Wohnung im Mehrgenerationenhaus. Ja sie liebt die ganze Siedlung „Grünes Zuhause“, zu der sechs weitere große Häuser gehören und zehn „Rollende Wohnungen“ mit autarker Energieversorgung, die sich am Rande des großen Gartens zu einer mobilen Wohneinheit zusammengekoppelt haben. Ob jung oder alt, alle kennen und duzen sich. Wie schön, dachte Anna, dass das solidarische Miteinander bei WohnArt05 im Vordergrund steht, die anonyme Nachbarschaft wie anno dazumal ist längst passé.

Die ganze Stadt ist mittlerweile so angelegt und gestaltet, dass sie geradezu dazu einlädt, nach draußen zu gehen, sich an sonnigen Plätzen niederzulassen und leicht ins Gespräch zu kommen. Das Leben spielt sich deshalb auch zunehmend im öffentlichen Raum ab. Es wird gekocht, gegrillt, gepicknickt, geplauscht… auch auf den durchweg bepflanzten Dachterrassen und Patios, selbst die Gewächshäuser und Beete in den Stadtvierteln dürfen alle nutzen. Und alles ist nach dem überragenden Ageless-Konzept designt: die Durchgänge haben die richtige Breite, die Fenster sind ebenso leicht zu bedienen wie die Türen, überall gibt es stolperfreie Wege und rutschhemmende Oberflächen, alles ist durchgängig generationenkompatibel gestaltet.

Die Häuser und Wohnungen sind mit ökologischen Baustoffen und ressourcenschonend gebaut und eingerichtet, nach dem ganzheitlichen Ansatz von Healthcare Architecture & Design. Das Beste sei, findet Anna, sei, dass alle Eigentümer auf nutzlosen Wohnraum verzichten. Modulares, flexibles Wohnen heißt das Zauberwort von heute. Die Apartments sind klein, zweckmäßig und heimelig, ganz anders als die riesigen Einfamilienhäuser auf den Fotos, die sie von ihrer Urgroßmutter kennt. Anna versteht bis heute nicht, warum und wofür die Menschen früher so viel Platz benötigt hatten. Sie selbst besitzt nicht viele Gegenstände und gibt ihr Geld lieber sehr selektiv für regionale Produkte aus, nicht nur bei Nahrung und Kleidung.

Wie in jeder solidarischen Siedlung gibt es auch im „Grünen Zuhause“ ein Gemeinschaftshaus, das rund um die Uhr offen ist. Hier trifft man sich aber nicht nur zum Plauderstündchen im Café. Alle Bewohner haben hier jede Menge Platz, um gemeinsam zu kochen, zu musizieren oder zu arbeiten. Jeden zweiten Tag bietet ihre Freundin Linda Yoga an, diese frühmorgendlichen Stunden möchte Anna nicht mehr missen. Linda ist einfach großartig und trägt sehr viel zur Gemeinschaft bei, denkt Anna lächelnd.

Auch Anna stellt ihr Wissen und Können in den Dienst ihrer großen Wahlfamilie, wie sie WohnArt05 liebevoll nennt. Als Ingenieurin fällt es ihr leicht, Dinge zu konstruieren und auch zu reparieren und hilft gerne aus, wenn in der Anlage oder in einem Haushalt wieder mal etwas kaputt geht und die Hausmeister keine Zeit haben. Am liebsten aber sind ihr die Sommerferien, in denen sie gemeinsam mit Freundinnen und Freunden die schönsten Freizeitaktivitäten für die Kinder der Siedlung anbieten. Zu ihren Top-Favoriten zählt die kleine Baumhausstadt, die sie über die Jahre gemeinsam im angrenzenden Park errichtet haben. Das macht Anna jede Menge Spaß, und sie blickt mit dem größten Vergnügen in die hocherfreuten Gesichter der Kinder, sobald sie ihr erstes fertiges Baumhaus betreten.

Heute will Anna mal wieder mit Jonathan im Bett frühstücken, was sie beide lieben, auch wenn sie sich nachts dann immer über die vielen Krümel ärgern. Die Liebe zwischen ihnen scheint von Tag zu Tag größer zu werden, und seit geraumer Zeit sprechen sie auch über eine gemeinsame Familienplanung. Jonathan kommt aus einer Großfamilie und wünscht sich selbst viele Kinder, am liebsten eine ganze Handballmannschaft. Bei dem Gedanken muss sie schmunzeln. Jonathan hat Agrarwissenschaften studiert und baut in seiner Freizeit im Gemeinschaftsgarten Gemüse und Obst an. Seine Passion aber sind die Bienen. Seit sie sich kennen, schwärmt er immer wieder von seinem Großvater, dem stadtbekannten Imker, den in seiner Heimat alle nur den „Bienenvater Gentner“ nannten. Jonathan ist nicht nur Hobby-Imker, er unterrichtet Kinder und Jugendliche in Kleinprojekten, wie man regionale Lebensmittel anbaut und verarbeitet. Und am Schluss jedes Projektes steht ein von allen geliebtes Highlight: das gemeinsam zubereitete Mittagessen aus Zutaten, die selbst gesammelt wurden.

Wann immer es geht, verbringen sie Stunden, manchmal Tage in der Natur. Je nach Lust und Laune radeln oder wandern sie zum Schwarzsee und lassen dort an heißen Sommertagen ihre Seele baumeln, oder sie machen eine Bergtour mit Hüttenübernachtung. In diesen Momenten sind sie sich immer besonders nah. „Ja“, erinnert sich Anna, „ich habe damals die richtige Wahl getroffen, als ich mich für Jonathan entschieden habe.“

Nach dem leckeren Frühstück mit frischem Minztee, Obst und duftendem Bio-Brot steigt Anna aufs Fahrrad und macht sich auf den Weg nach München zur Uni. Als Umweltingenieurin forscht sie in einem hochkarätig besetzten interdisziplinären Team gerade über eine bahnbrechende Form erneuerbarer Energie. „Das Beste an diesem Team“, kommt Anna in den Sinn, „ist die Vision, die alle antreibt.“ Bereits Ende nächsten Jahres soll Deutschland zu hundert Prozent CO²-neutral sein. Auch wenn dieses Ziele hoch gesteckt ist, ist sie felsenfest davon überzeugt, dass sie es erreichen und die Unterstützung der breiten Gesellschaft auf ihrer Seite haben. Denn schließlich ist die große ökologische und ökonomische Transformation, die vor circa drei Jahrzehnten begonnen hatte, mittlerweile in der ganzen Gesellschaft angekommen.

Auslöser war dafür war der Neustart nach den zahllosen Lockdowns durch die letzte Pandemie. Die Zahl der Toten stieg weltweit ins Unermessliche, die Weltwirtschaft lag am Boden, der Kampf um Blutreserven, Krankenhausbetten und Impfstoffen endete in fast allen Ländern in kriegsähnlichen Zuständen. Es war der Moment, in dem auch die hartnäckigsten Anhänger der „homo oeconomicus“-Theorie erkennen mussten, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Das war der Beginn einer neuen Ära des Miteinanders, eines Miteinanders im Einklang mit Natur und Mensch. Jeder Einzelne beteiligte sich an der Umsetzung der Klimaziele beteiligte, quer durch alle Alters- und Berufsgruppen, Unternehmer wie Politiker, Wissenschaftler wie Ethiker.

In ihrer Mittagspause hat Anna die Möglichkeit, neben einem gesunden Büfett auch Angebote vom Arbeitgeber aufzusuchen. Diese Angebote sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei privaten Problemen unterstützen und sie bei ihrer Selbstwerdung begleiten – ein Prozess, in dem man seine eigenen Fähigkeiten und Potenziale, Anlagen und Möglichkeiten entfaltet mit dem Ziel der schrittweisen Bewusstwerdung. Heute sucht Anna eine Ergotherapeutin auf, da sie seit Tagen wieder Verspannungen im unteren Rücken spürt. Außerdem liebt sie den geistigen und spirituellen Austausch mit ihr.

Anna und ihre Kollegen schätzen die Kompetenz dieser Fachkräfte, die ihre Arbeit in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Diese Wertschätzung spiegelte sich auch in der letzten Bürgerbeteiligung wider, indem die Mehrheit für verbesserte Mentorenprogramme und wöchentliche Besinnungs- und Entspannungsstunden für Fachkräfte im sozialen Sektor stimmten. Ein Leben ohne die Nähe zu Menschen, ohne sogenannte systemrelevante Jobs wäre für Anna nicht auszudenken. Anna genießt ihre flexiblen und selbstbestimmten Arbeitszeiten. In der Regel arbeitet sie wie alle anderen fünf bis sechs Stunden pro Tag, wodurch noch genügend Energie und Zeit für das gesellschaftliche Engagement bleibt. Für ihr Unternehmen hat das gegenseitige Vertrauen im Arbeitsverhältnis höchste Priorität.

Auf dem Nachhauseweg macht Anna noch einen kurzen Umweg, um bei ihrer Oma vorbeizuschauen, die sich für eine betreute Wohngemeinschaft für Senioren entschieden hat. Anna kennt alle Pflegefachkräfte vor Ort und bringt ihnen auch heute als kleines Dankeschön ein Blech Aprikosenstreuselkuchen vom Wochenmarkt mit. Ihre Oma spielt gerade mit ihrer Freundin und anderen Mitbewohnern Mensch-ärgere-dich-nicht und lacht herzhaft, als ihre Figur aus dem Spiel geschmissen wird. Anna wird es jedes Mal warm ums Herz, ihre Oma so glücklich und zufrieden zu sehen. Zusammen mit ihrer Betreuerin Liliana schreibt sie gerade an ihrer Lebensgeschichte. „Es ist mir ein Herzensanliegen, die Schatztruhe meiner Lebenserfahrung und Einsichten weiterzugeben, weil doch die jungen Menschen positive Impulse von den Älteren brauchen. Weißt du eigentlich, dass mich das Schulprojekt „Alter schafft Neues“, an dem ich gerade teilnehme, auf die Idee gebracht?“, fragt ihre Großmutter voller Stolz und lässt sie einen Blick auf den Text werfen.

Als Anna nach Hause kommt, sitzen ihre Nachbarn vor dem Haus auf den Bänken zusammen, die Kinder sind mit dem Bau eines neuen Lagers beschäftigt. Auch Jonathan ist dabei und überreicht jedem gerade ein Glas seiner neuesten Honigkreation. „Für ein 500 Gramm Glas Honig müssen Bienen rund vierzigtausendmal ausfliegen“, hört Anna ihn voller Leidenschaft erzählen. Anna schlägt vor, den Grill anzuschmeißen und gemeinsam zu Abend zu essen. Schnell sind die Aufgaben verteilt, wer Kartoffelsalat macht, Gemüse schält und Knoblauchbrot vorbereitet. Die Kinder und auch Henriette freuen sich riesig. Jonathan bestreicht die heute frisch geernteten und geschnittenen Zucchini mit Olivenöl. „Von ihm schmecken sie ganz besonders köstlich“, denkt sich Anna und grinst. Jetzt erst merkt sie, wie groß ihr Hunger ist. Sie deckt den Tisch und zündet das Holz im Feuerkorb an. Eingekuschelt in die gehäkelte Decke ihrer Mutter nimmt sie an ihrem Glas Wein und blickt zufrieden ins lodernde Feuer.

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