Muhamed: Zwangspause im Containerhafen

Attraktoren: Annegret, Susanne, Veronika, Jasper-John / Autorin: Annegret

Ein Szenario aus dem Jahr 2050 mit den Dimensionen: Nachhaltigkeit – Globale Wirtschaft

Muhamed erlebt die Wirtschaft als System verschiedener Extreme: einerseits umspannen undurchsichtige Wertschöpfungsketten die ganze Welt, andererseits sehnen sich seine Kunden nach dem guten Gefühl, mit lokalem Konsum verantwortungsvoll zu handeln. Kann dieser Widerspruch gelöst werden, können lokale Prinzipien auf einen globalen Markt angewendet werden?

Ein Tag im Leben von Muhamed, 16 Jahre, Ausbildung zum Logistiker im ersten Lehrjahr

Montag, 17. Oktober 2050 in Bremerhaven

Muhamed steht um 6.00 Uhr früh auf und checkt auf seinem „SuperConnect“ die wichtigsten aktuellen Infos von seiner Firma – es gibt Probleme mit einer Lieferung, er muss sofort los und frühstückt deshalb nur ganz schnell. Er könnte auch von zu Hause aus arbeiten, er ist praktisch mit der ganzen Welt digital vernetzt, hat Zugriff auf die Unternehmenssoftware zum Verfolgen aller Aufträge und Lieferungen. Aber zu Hause ist es eng, er hat dort keine Ruhe zum konzentrierten Arbeiten, hinzu kommt, dass ihm der direkte persönliche Austausch mit den Kollegen und das direkte Gespräch wichtig sind – vor allem, wenn er sich nicht ganz sicher ist und Fragen hat. Also radelt er los, auf gut ausgebauten, breiten Radwegen, vorbei an begrünten Fassaden und begrünten Dächern. Es sind in der Früh viele Radfahrer unterwegs, auch Busse und Straßenbahnen, und relativ wenig PKWs, da privates Autofahren – auch mit umweltfreundlichen Autos – im Stadtgebiet streng reglementiert und teuer ist; von den Gebühren wurden die Radwege angelegt und der Öffentliche Nahverkehr subventioniert.
Im Logistik-Center seines Arbeitgebers LOGIFAIR wartet schon sein Abteilungsleiter auf ihn. Die Abteilung koordiniert den gesamten Asien-Frachtverkehr. Ein Schwerpunkt des Unternehmens liegt auf dem Import von nachhaltig produzierten Stoffen und Textilien. Muhamed punktet im Unternehmen mit seinen Kenntnissen von Sprachen, Wirtschaft und Mentalitäten, vom Gefühl für Verhandlungen von Konditionen. Die Waren werden per Schiff transportiert, und die gesamte Flotte verfügt über die neuesten, emissionsfreien Wasserstoffantriebe. Üblicherweise werden die Container in den Häfen auf Güterzüge verfrachtet, und nur die letzten Strecken zu den Geschäftskunden erfolgen mit umweltfreundlichen LKWs bzw. Transportern mit umweltfreundlichen Antrieben – Elektro, Gas, Wasserstoff oder synthetische Treibstoffe.
Das Problem, das über einen automatisch generierten Alert an das Team geschickt wurde: Ein Containerschiff hat keine Erlaubnis zum Ausfahren aus dem Hafen von Karatschi erhalten. Weder per Mail noch Telefon ist jemand auf dem Schiff erreichbar. Es ist derzeit unklar, ob die Frachtpapiere nicht korrekt sind, ob beim Schiff Sicherheitsmängel festgestellt wurden, ob ein Hardware- oder Softwarefehler vorliegt, der die Blockchain-Dokumentation nicht korrekt abbildet, oder ob beim stichprobenartigen Überprüfen der Ware festgestellt wurde, dass sie nicht den geforderten Kriterien an Nachhaltigkeit entsprechen (keine Kinderarbeit, faire Löhne in allen Produktionsphasen, ökologisch produzierte Baumwolle, Einsatz umweltfreundlicher Farben etc.).
Muhamed und seine Kollegen besprechen sich, wer welche Arbeiten übernimmt, um die Ursache zu finden. Die Daten- und Logistikspezialisten der Abteilung gehen an die technische Fehlersuche, analysieren die Blockchain und die Logistiksoftware, die Telekommunikationsinfrastruktur. Muhamed nimmt direkt Kontakt mit Karim auf, seiner Kontaktperson bei der Hafenbehörde in Karatschi: Es ist von großem Vorteil, dass er direkt mit ihm reden kann und so direkt erfahren kann, was los ist – ohne erst online eine Anfrage zu stellen, Formulare auszufüllen und dann länger auf eine Antwort der Behörde warten zu müssen. Schnell kann er die ersten Antworten an seine Kollegen weitergeben: Die Fracht und die Papiere sind in Ordnung, das Schiff auch. Der Grund, warum das Schiff nicht auslaufen kann, ist ein anderer: Die Besatzung ging an Land zum Feiern, obwohl sie vorab informiert wurde, dass in Pakistan und Karatschi ein neues hochansteckendes Virus grassiert und dass lediglich Proviant geladen und Treibstoff getankt werden darf. Nun muss die gesamte Besatzung 14 Tage in Quarantäne auf dem Schiff bleiben und darf den Hafen nicht verlassen. Die IT-Kollegen kamen auch weiter mit der Fehlersuche: Wegen eines Totalausfalls der Kommunikationsinfrastruktur auf dem Schiff konnte der Kapitän keinen Kontakt mit der Zentrale aufnehmen. Lediglich die Logistik-Software gab eine automatisch generierte Meldung ab, dass sich die Weiterfahrt verzögert.
Muhamed und seine Kollegen sind einerseits erleichtert über diese Antwort, andererseits wütend und verärgert über den Leichtsinn der Besatzung. Natürlich muss das Problem auch der Chefin von LOGIFAIR gemeldet werden. Die Chefin erklärt ihnen, dass der 14tätige Zwangsaufenthalt im Hafen nicht nur wegen der hohen Liegegebühren extrem teuer sei, sondern dass LOGIFAIR noch eine Strafzahlung leisten müsse, und all das stelle die Rentabilität der gesamten Lieferung in Frage. Die Versicherung decke solche Verzögerungen durch menschliches Fehlverhalten natürlich nicht ab. Die Stimmung ist gereizt und gedrückt.
Muhamed schlägt vor, die Angelegenheit erstmal zu überschlafen, die Kollegen und die Chefin stimmen zu. Zuhause angekommen, erzählt er seiner Familie von seinem Arbeitstag. Es tut ihm gut, ihnen zu sagen, dass er die Ursache des Problems gefunden hat, und er kann auch loswerden, wie sehr ihn das alles belastet. Zum Glück hat er seine Familie: Sie kochen zusammen ein leckeres afghanisches Essen. Die Zutaten stammen großenteils aus dem eigenen Garten – die Stadt Frankfurt stellt Familien in Stadtwohnungen Krautgärten zur Verfügung, wo sie selber Gemüse biologisch anbauen können. Hier zu Hause ist die Runde dann fröhlich und die Stimmung entspannt, und Muhamed kann seinen Ärger vergessen. Später am Abend, vor dem Schlafengehen, checkt er noch einmal alle E-Mails und Alerts zu den laufenden Frachten – zum Glück ist alles in Ordnung.

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